Snares aus der Zukunft

futuresnareHabe neulich mal herausgefunden, was man mit der regelbaren “Precompression” (=Lookahead) von Reapers ReaComp so anstellen kann.

Demonstriere das hier mal anhand eines Livemitschnittes, den ich gerade mische. Da hatte ich das Problem, dass die (eigentlich toll gespielte) Snare bei manchen Schlägen doch ziemlich (unter den Gesang und die Gitarren) abtauchte. Wollte nicht zu viel (hörbar) komprimieren, deshalb mal mit dem ReaComp rumgespielt. Was passiert: der Kompressor denkt, die Snare wär schon da, regelt runter, dann kommmt die Snare. Sprich: die Hüllkurve wird so gut wie gar nicht beeinflusst, der Kompressor funktioniert hier wirklich eher wie ein Fader. Hörts Euch mal an:

Das ist ein kurzer Ausschnitt aus der trockenen Snare-Top-Spur. Jeweils viermal geloopt, ohne Bearbeitung, EQ, Effekte o.ä., nur der Reacomp und ein Gate, zur Kontrolle was passiert.

Trocken

Trocken + Gate

Kompressor (PreComp)

Kompressor + Gate

Was hat das ganze mit Livemischen zu tun? Man kann so natürlich Livemitschnitte bearbeiten, wie oben beschrieben, aber die Methode funktioniert für mich so gut, dass ich echt überlege, diese mal in meinem Pult nachzubauen. Man kann ja einfach einen unverzögerten Kanal als Steuerung für den Kompressor eines (um einige ms) verzögerten Kanal nehmen. Müsste doch gehen 🙂

Original images by “bigdrumthump” and “qingqing3” THANKS!

Optimale Kanaleinstellungen per Vorhörfunktion finden

Gestern hatte ich (tatsächlich das erste Mal!) eine Idee, wie man live “unhörbar” für den Zuhörer mit dem EQ (Kompressor/Gate/…) einzelner Kanäle herumprobieren kann. Manchmal gerät man ja in so Situationen: man denkt, dass z.B. der EQ nicht optimal ist, schreckt aber vor zu massiven Änderungen zurück (z.B. wenn man mehrere Bänder gecuttet hat und am liebsten neu beginnen möchte) um den Zuhörer (oder die Monitore!) nicht zu erschrecken.

Habe das Ganze  live noch nicht ausprobiert, sollte das aber beim nächsten Mal tun. 🙂

Eigentlich ist das Konzept ganz einfach:

– einen “CUE” / Vorhör-Bus einrichten (am einfachsten wohl per Aux/Mixbus/Monitorweg)

– diesen Vorhör-Bus natürlich NICHT auf den Stereo Bus routen.

– Signal(e) zum CUE-Bus schicken

– Bus mit dem Kopfhörer (AFL/nach dem EQ/den Dynamics) vorhören

– Mit EQ / Kompressor / Gates / … des Vorhör-Busses herumprobieren bis man was schönes gefunden hat.

– gegebenenfalls (per Solo-Schalter) mit dem Original-Kanal vergleichen

– Einstellungen per copy&paste zum entsprechenden Kanal kopieren, oder manuell rekreieren

Alter Hut? Gute Idee? 🙂

5 Wege um Tiefe im Mix zu erzeugen

Mischen in 3D

Tiefe im Mix

Wie kann man es schaffen, in einem (Live-)Mix eine Tiefenstaffelung zu erzeugen? Es soll vielleicht nicht immer alles im Vordergrund stehen, geht ja auch gar nicht. Im folgenden mal einige (altbekannte oder auch andere) Techniken, die man benutzen kann, um nicht nur das Panning, sondern auch Tiefe zu nutzen, um den Mix zu staffeln und zu sortieren. Dadurch werden die einzelnen Elemente besser ort- und hörbar und die Transparenz der Abmischung wird verbessert.

 

 

LAUTSTÄRKE
Faustregel natürlich: je lauter, desto weiter vorne. Hier sollte man mal anfangen. Allerdings gilt das natürlich nur begrenzt: ein lautes dumpfes Signal wirkt unter Umständen doch weiter hinten als ein kristallklares, aber leiseres.

DYNAMIK
Klar, Kompression und Parallelkompression presst einem den Sound direkt ins Ohr. Wunderbar geeignet um kritische Sounds nach vorne zu holen – und dort festzukleben. Allerdings hat das ja nun wenig mit Tiefe zu tun. Vielleicht tut es manchen Klängen ja auch ganz gut mal zwischendurch wieder im Mix abzutauchen um nur bei bestimmten Tonhöhen oder einer bestimmten Intensität nach vorne zu kommen. Ist jedenfalls bewegter und mehr 3D. Ganz besonders nett kann man das natürlich mit dem Hall kombinieren. Richtig klasse kann es kommen, wenn man zum Beispiel weitestgehend unkomprimierte Vocals zum Hall schickt (und richtig komprimierte Vocals weiter zur Summe). Dadurch bekommt die Stimme einen wunderbar dynamischen Schein. Klingt je nachdem voll 80er oder richtig teuer. Oder beides. Hat man die Möglichkeit, einen Transientendesigner/-shaper zu nutzen, so kann man auch damit experimentieren: je mehr Attack desto fokussierte und weiter vorne, je weniger Attack desto verschwommen und eher im Hintergrund.

EQ
Klappt live natürlich besonders gut: der Mix bleibt transparent, man hat keine Probleme mit Feedbacks und alles zumatschenden Hallfahnen und es klingt sogar “natürlich”: je weiter ein Instrument im Hintergrund stehen soll, desto weniger Höhen bekommt es. Es lohnt sich, damit mal die Gitarren vom Gesang zu trennen, oder Teile des Schlagzeugs (z.B. die Toms) nach hinten zu stellen. Live hat man natürlich außerdem den Vorteil, dass dadurch gefühlt weniger Becken im Mix sind.

HALL
Ganz klar, der Klassiker. Mit nur einem Hallgerät kann man schon eine Menge 3D erzeugen. Faustregel natürlich: je mehr Hall=desto weiter weg. Allerdings sollte man hier (besonders) live eher nach Gehör und Gefühl gehen, als nach einer naturgetreuen Abbildung der Bühne oder eines imaginären Raums zu streben. Soll die Snare wirklich mehr Hall haben als der Gesang nur weil sie weiter hinten ist? Je nach Stil, Song und gewünschter Atmosphäre dürfen hier ruhig mal Regeln gebrochen oder neu erfunden werden. Fast noch wichtiger als die Ausklingzeit: das Predelay. Hier unbedingt mit herumexperimentieren. Falls man es kann oder möchte (und das KISS-Prinzip vernachlässigt), auch gerne verschiedene Hallgeräte benutzen.

DELAYS
Sind natürlich wirklich fummelig einzustellen, aber das ist ja die eigentlich Definition von Tiefe: Entfernung. Wenn die Snare 5 Meter weiter weg vom Hörer als der Gesang ist – warum sollten dann beide Signale gleichzeitig aus den Speakern kommen? Aber Vorsicht: da man die Signale ja mit Kanaldelays direkt beim Reinkommen ins Pult verzögert werden dadurch eventuell Monitormixe für den Künstler komisch klingen. Sofern man also kein Delay in den Bussen anlegen kann, könnte man sich bestimmte Signale per soft-patching auf andere Kanäle legen, die man dann verzögert und nur zur Summe schickt (aber nicht zu den Monitoren). Auch sollte man natürlich nicht allzu kreativ mit Delays werden, ohne das mit dem Künstler abzusprechen 🙂

Gibt es noch andere Möglichkeiten?

Gesang und Verständlichkeit

Wie kann man dafür sorgen, dass sich der Gesang im Bandgefüge durchsetzt?

Eigentlich scheint es ganz einfach zu sein, in der Realität ist die gute Hörbarkeit (oder gar Verständlichkeit!) des Gesangs häufig problematisch. Ich schreib einfach mal ein paar Tips auf, die man (erstmal grundsätzlich genreunabhängig) benutzen kann, um es zu schaffen, dass die Vocals gut durchkommen. Manche der Lösungen funktionieren mit dem einfachsten Equipment, für manche wird schon etwas mehr benötigt.

Wichtig ist natürlich erstmal: ein vernünftiges Mikro, ein zur Stimme passendes Mikrofon. Auch sollte die Richtcharakteristik des Mikros zur Technik passen. Vielleicht klingt dann das dynamische Mikro mit der breiten Niere unterm Strich doch ausgewogener und schöner als das superenge Kondensator. Und was ganz klar ist: ein wenig Volumen sollte die Stimme schon mitbringen!

Oft klingt der Gesang (und Sprache!) viel zu polternd und basslastig. Das liegt häufig am Nahbesprechungseffekt der meisten Gesangsmikros. Was je nach Vokalist solo und beim Gesang noch angenehm und warm klingt, kann bei anderen Passagen, Plosivlauten und im Bandgefüge massiv stören. Also zuerst mal den Locut an und ihn ruhig auch mal richtig nach oben ziehen, bis man die fehlenden Bässe merkt, und dann wieder zurücknehmen. Vielleicht lohnt es sich, mit dem parametrischen EQ noch zusätzlich genau die Frequenz in den Bässen zu suchen, die stört, und diese relativ schmalbandig abzusenken. Dadurch klingen die Vocals jetzt weniger bollerig, man spart aber jede Menge Headroom und klarer und verständlicher wirds auch. Falls man die Möglichkeit hat, die Subs einzeln (“Aux-Fed” o.ä.) anzusteuern, dann kann man die Vocals da ebenfalls rauslassen.

In den Mitten soll der Gesang natürlich schon nach vorne kommen, hier kann man ruhig auch mal mit Boosts arbeiten. ABER aufpassen, dass es nicht zu “plärrig” wird! Gut darauf achten, ob bei bestimmen Tonlagen oder Techniken die Frequenzen hier zu überbetont klingen. Dann heißt es: Kompromisse eingehen (weniger boosten, evtl sogar cutten) oder einen sidechainfähigen Kompressor einsetzen, und diesen per EQ/Key-Filter “empfindlicher” für diese Nervfrequenzen machen. Funktioniert dafür oft super.

Wie schon in dem Posting weiter unten erwähnt eignet sich Parallelkompression hervorragend dazu, den Gesang auch in leiseren Phrasen “oben” zu halten. Durch die Kompression klingt der Gesang eh schon mal dichter, aber durch die verhältnismäßig geringere Kompression in leiseren Phrasen säuft der Gesang auch dann nicht ab – er wird ja dann praktisch “gedoppelt”. Gerne kann man auch mal probieren den Smash-Channel ein bisschen anders zu eqen (z.B. mehr Höhen).

In den anderen Kanälen sollte man Platz für die Vocals schaffen. Das ist vor allem natürlich in den Mitten so zwischen 1k und 4k (und Höhen?) wichtig. Da gerne schon in den einzelnen Kanal-EQs nicht mit Boosts übertreiben. Wenn man sich während eines Gigs langweilt kann man ja mal probieren mit dem Mitten-Gain-Knopf die den Gesang störendste Frequenz z.B. der Zerrgitarren live in Gesangspassagen runterziehen. Funktioniert klasse, ist aber anstrengend.

Ich schicke normalerweise alle Instrumente über einen Bus, und nehme dort per EQ ein BISSCHEN was von diesen Mitten raus. So 1-3db. Das hilft schon ernorm, um dort für den Gesang zu entrümpeln. Was ich zusätzlich mache: Kompressor in den Instrumentenbus, und diesen vom Gesang fernsteuern lassen. Das ist ja wohl eine uralte Studiotechnik, klappt live aber auch sehr gut. Man sollte nur echt aufpassen dass die GR nicht übertrieben hoch ist (vielleicht auch so 1-3 oder ein paar mehr dB – sonst ist man ganz schnell beim Radio-DJ-Effekt!) und dass vor allem der Release zum Stil und Songtempo passt. Dieses Ducking ist sehr praktisch, aber es lohnt sich doch, den Output des Busses per Hand und musikalisch nachzuregeln. Nicht empfehlen würde ich, das Schlagzeug oder andere perkussive Sachen mit in den zu komprimierenden Instrumentenbus zu packen – dadurch wird das Gesamtbild doch schnell zu unrund und flackerig.

Wer kennt noch andere Tricks?

Parallelkompression.

Parallelkompression zur Verdichtung des Signals

Das Gegenteil von Diät.

Im Gegensatz zur „klassischen“ Kompression, die eher dazu gedacht ist, Signalspitzen abzuschwächen oder zu begrenzen, bekommt man mit Parallelkompression wunderbar eine echte „Verdichtung“ des Signals hin – ohne jedoch die Transienten erheblich einzubüßen. Sie eignet sich also hervorragend um Sachen anzudicken.

In der Regel wird diese Art der Kompression wohl in einer Subgruppe (oder einem anderen Bus realisiert). So könnte man beispielsweise einen heftig arbeitenden Kompressor in die Inserts der Subgruppe stöpseln, und dann die Kanäle sowohl zur Subgruppe (1-2) als auch zu den Main Outs (L-R) schicken. Was hier passiert ist natürlich folgendes: die direkten (unkomprimierten) Signale enthalten weiterhin alle Pegelspitzen, alle Transienten, den vollen Attack und die volle Dynamik des Originalsignals. Die komprimierte Subgruppe sorgt dafür, dass das Signal auch in den leiseren Passagen „da“ ist. Gleichzeitig wird natürlich auch der (gefühlte oder echte) Raumanteil des Signals angehoben.

Der Vorteil oder Nachteil der Kompression in der Subgruppe: Subgruppen sind Post-Fader. Je höher die Kanälfader, desto mehr wird der Kompressor angesteuert. Für eine faderunabhängige Parallelkompression würde es sich also anbieten, den Kompressor über Pre-Fader-Auxwege anzusteuern – in der Regel sind diese im Pult aber relativ kostbar, da selten 🙂

Durch moderne Digitalpulte sind schnell und relativ unkompliziert die selben und durchaus komplexere Routings möglich: oft findet man zum Beispiel in sämtlichen Mixbussen Kompressoren (die vielleicht nicht besonders viel Charakter haben), die dann Pre- oder Postfader arbeiten. Edit: Falls beide Signale aus irgendeinem Grund (Latenz!) nicht gleichzeitig am Ausgang ankommen, dann gibt’s natürlich fiese Nebeneffekte!

Ich habe mein Pult momentan so eingerichtet, dass die ersten 16 Inputs (Layer 1) gleichzeitig auf den Kanälen 17-32 (Layer 2) anliegen (per Soft Patching). Dadurch gewinnt man noch einmal ein Plus an Flexibilität. Beispiel: Kick Mikro 1 (Ch 1) liegt gleichzeitig auf Ch17. Der Kompressor in Kanal 1 ist entweder aus oder arbeitet im „Sicherheitsmodus“: er begrenzt lediglich einige Spitzen, arbeitet aber weitestgehend unhörbar. Der Kompressor in Kanal 17 arbeitet ständig und kräftig (mehrere, vielleicht sogar zweistellige Dezibel Gain Reduction, gerne viel Atem und Pumpen). Jetzt benutzer ich Fader 1 für den “normalen” Kicksound und kann mit dem Fader von Kanal 17 das komprimierte Signal hinzuschieben, bis die Abstimmung passt. Gleichzeitig geht nun die Snare beispielsweise parallel in Kanal 3 und 19. Ich kann diese also unabhängig von der Kick komprimieren (=mit eigenen Einstellungen für Attack, Release, Ratio, Threshold, Kompressortyp..). Ich werde mir außerdem DCAs für (die komplette) Layer 1 und Layer 2 eingerichten. So kann ich je nach Part/Song/Geschmack ständig die passende Balance zwischen ALLEN unkomprimierten und komprimierten Signalen nachregeln. In den einzelnen Kanälen von Layer 2 kann man natürlich je nach Signal auch einen angepassten EQ verwenden. In diesem Setup kann ich allerdings so nicht den Eingang der Kompressoren mit einem Fader steuern, dazu schicke ich dann trotzdem wieder einzelne Signale/Gruppen auf Post-Fader-Mixbusse. Dazu später mehr 🙂

Ich benutze Parallelkompression live mehr oder weniger auf praktisch ALLEN Quellen. Es macht das Schlagzeug dicker, hilft leisere Klänge (Sidesticks..) nach oben zu holen, es gibt dem Bass mehr Schub, es macht Vocals in leiseren Passagen hörbarer, wirkt wie ein Boost für Single Notes bei E- und A-Gitarren, gibt (Elektro-)Akustikgitarren mehr Substanz, hebt schön die leiseren Parts von akustischen Instrumenten wie Geige oder Cello an… mit Sicherheit eine meiner “Lieblingstechniken” 🙂 Man sollte nur wirklich vermeiden, den extrem komprimierten Sachen auf die (Bühnen-)Monitore zu schicken. Das kann leicht ins Auge Ohr gehen.

Habe mal (ITB) einige Hörbeispiele zusammengeschmissen. Man hört jeweils abwechselnd 1-2 Durchgänge vom Originalsignal und dann das parallelkomprimierte Signal (ohne EQ, Verb o.ä.). Habe versucht den Maximalpegel jeweils gleich zu lassen, so dass man besser hört, was bei der Parallelkompression eigentlich passiert.

Kick

Snare

Full Metal Drumkit Loop v1

Full Metal Drumkit Loop v2

Vocals

Ich hoffe, dass diese Erklärungen einigermaßen klar verständlich sind. Fragen, Kommentare, Verbesserungsvorschläge und das Vorstellen eigener Techniken und Anwendungen sind natürlich gerne erlaubt 🙂